Parentifizierung und Schuldgefühle

Schuldgefühle können wie ein lähmendes Gift wirken. Sie nehmen dem Menschen alle Kraft und blockieren. Neues, Unbeschwertes kann bei einem schlechten Gewissen kaum entstehen. Warum aber sind Schuldgefühle gerade dann so häufug, wenn Kinder schon in jungen Jahren die Verantwortung für ihre Eltern übernehmen?

Die einfache Anwort: Kinder können der viel zu großen Aufgabe niemals „gerecht“ werden. Das führt von Anfang an dazu, dass sie sich in der Aufgabe als unzureichend erleben, als Versager.

„Mama soll es gut gehen“

Manche Kinder machen es sich zur Aufgabe machen, die Mutter oder den Vater zu „heilen.“ Sie werden zu Co-Abhängigen, wenn sie eine Erkrankung wie Alkoholismus vor den Nachbarn verheimlichen helfen. Wenn sie dabei „scheitern“, also wenn es herauskommt, dass im Elternhaus getrunken wird, ist ein schlechtes Gewissen die Folge. „Ich habe es nicht geschafft, Mama / Papa zu schützen. Also muss mit mir als Kind etwas nicht in Ordnung sein.“ Das ist natürlich ein fataler Trugschluss. Denn in der Regel folgt auf eine gescheiterte Aufgabe die nächste zu große Aufgabe.

„Die Eltern sollen zusammenbleiben“

Kinder von Eltern, die in Krisen leben, werden häufig zu Eheberatern  – oder, wenn Gewalt in der Familie herrscht, auch zu Trennungscoaches. In beiden Fällen haben sie denkbar schlechte Karten.

Versuchen sich Kinder in der Eherettung, ist ihr „Kompetenzraum“ spätestens dort zuende, wo ein professioneller Paarberater beginnt.

In der Doublebind-Falle

  • Drängt ein Kind die geschlagene Mutter dazu, den Vater zu verlassen, macht es sich auf eine tiefe Weise als Verräter am Vater und der Einheit der Familie schuldig.
  • Sagt es nichts und lässt den gewalttätigen Vater gewähren, lässt es die Mutter im Stich.

Eine klassische Doublebind-Situation. Wie auch immer das Kind entscheidet und handelt, es ist falsch. Und der Fehler geht auf das Konto eines schlechten Gewissens.

„Auf mich kommt es gar nicht an“

Auch das Thema der Selbstvernachlässigung kann mit tiefen Schuldgefühlen verbunden sein. Am Anfang noch mag es ein heldenhaftes Gefühl sein, den Eltern bei ihren Schwierigkeiten auszuhelfen, sie zu schützen, für sie zu lügen, Aufgaben zu übernehmen. Recht bald aber kann es sich bemerkbar machen, wenn sich das Kind selbst als unwichtig einordnet.

Die schulischen Leistungen sinken. Dennoch wird das oft zunächst damit entschuldigt, dass es höhere Ziele gegeben hat und dass für die nächsten Schritte kein Platz war.